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Euler Hermes Group



Artikel Automobilzulieferer

Kurzfristig erwarten wir einen Rückgang der Produktion bei Volumensmodellen, da es durch die Abwrackprämie und ähnliche Maßnahmen im laufenden Jahr bei Klein- und Kompaktwagen zu Vorzieheffekten gekommen ist. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Stabilisierung erwarten wir bei Mittel- und Oberklassefahrzeugen eine leichte Verbesserung der Produktionszahlen. Hierbei profitieren deutsche Hersteller auch von der Nachfrage aus Wachstumsmärkten wie China, Brasilien und Indien. Bei Nutzfahrzeugen erwarten wir eine Stabilisierung der Produktion auf sehr niedrigem Niveau. Einer Erholung ist hier nicht in Sicht. Da die Nachfrage aufgrund der hohen Bestände und geringen Auslastung, z. B. auch bei Verleihunternehmen, erst später im Konjunkturzyklus wieder anziehen wird.

Mittelfristig sind die Nachfrage nach Automobilen und die Produktion von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abhängig. Hierbei ist ungewiss, inwiefern die auslaufenden fiskalischen Konjunkturmaßnahmen zukünftig durch eine anziehende private Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern ersetzt werden können. Es ist weiterhin mit einer uneinheitlichen Entwicklung zu rechnen mit schwacher Nachfrage in Märkten mit wachsender Arbeitslosigkeit und zunehmender Nachfrage in Wachstumsmärkten.

Neben der konjunkturellen Situation wird die Automobilindustrie durch die internationale Verschiebung der Marktgewichte und neue Technologien herausgefordert. Durch die finanzielle Anspannung sind Zulieferer mit schwacher Kapitalstruktur, geringer Ertragskraft, geringer finanzieller Flexibilität und geringer Diversifikation besonders gefährdet und mussten zum Teil bereits Insolvenz anmelden. Diesen Unternehmen ging es bereits in den "guten" Jahren nicht gut. Sie mussten bei geringen Margen hohe Investitionsanforderungen erfüllen und konnten kein ausreichendes Eigenkapital bilden. Ein solide Kapitalstruktur und hohe finanzielle Flexibilität sind grundlegende Voraussetzungen für Zulieferer, um die Investitions- und Innovationsanforderungen der OEMs erfüllen zu können. Darüber hinaus achten die OEMs bei der Auswahl von Zulieferern stärker auf die Bonität, um sicherzustellen, dass der Produktionspartner über den gesamten Produktlebenszyklus eines Modells zur Verfügung steht.

Im Hinblick auf die weitgehend gesättigten Märkte in Europa und den USA bieten sich OEMs und Zulieferern Wachstumschancen in Asien und Südamerika. Eine Ausnahme bildet VW, die in den USA über Jahre keine wesentlichen Marktanteile hatten und für die dieser Markt ein Wachstumsmarkt ist. Die OEMs treffen in den Wachstumsmärkten auf andere Kundenanforderungen und neue Wettbewerber. Sie wollen in den Märkten präsent sein und produzieren. Auch um Wechselkursrisiken auszugleichen. Zulieferer müssen finanzstark und groß genug sein, um diesem internationalen Expansionspfad folgen zu können.

Als dritter Einflussfaktor wird die Automobilindustrie durch neue Technologien und neue Materialien sowie die grundlegende Infragestellung des Verbrennungsmotors als Antriebstechnologie langfristig verändert. Gegenwärtig ist das Thema des Elektroantriebs und Lithium-Ionen-Akkus in den Medien sehr präsent. Inwiefern sich die bestehende Stimmung in tatsächliche Nachfrage umsetzt, ist umstritten. Wir erwarten eine Beruhigung des Hypes und sehr langsame Marktanteilsgewinne des E-Motors. Ölpreisentwicklung, Umweltbewusstsein, gesetzliche Auflagen und Steueranreize prägen aber bereits heute sehr stark die neuen Motoren- und Fahrzeugkonzepte. Die neuen verbrauchsarmen Motoren holen mehr Kraft aus weniger Hubraum, nutzen Aufladung und hohe Drehzahlen. Die Motoren werden hierdurch lauter und heißer. Im Hinblick auf den Verbrauch sollen die Fahrzeuge möglichst auch leichter werden und ein hohes Sicherheitsniveau bieten. Hierdurch werden höhere Anforderungen an alle möglichen Komponenten im Fahrzeug gestellt, von denen einige innovative Hersteller selbst in den vergangenen, schwachen Monaten profitieren konnten.

Fazit: Für Automobilzulieferer mit starker Kapitalstruktur, guter finanzieller Flexibilität, hoher Diversifikation und hoher Innovationskraft bietet die Krise Chancen, auch wegen der langfristig wirkenden Einflussfaktoren Globalisierung und neue Technologien. Für Zulieferer, denen es vor der Finanzkrise schon nicht gut ging, wird es sehr eng.

Holger Ludewig
Senior Rating Analyst